Redaktionskonzept und Freeride-Community


Irgendwann zwischen dem Platzen der Dotcom-Bubble und der gefühlten Weltherrschaft von Facebook und den sozialen Medien traten die Gründer von PowderGuide Tobi Kurzeder und Holger Feist an mich heran und baten um ein Redaktionskonzept.

Nach einigen haarigen Lawinenbegebenheiten hatten die beiden ein Buch zur Lawinenkunde verfasst, erfolgreich veröffentlicht und aus ihrer Idee eine kleine Plattform rund um das Thema Lawinenkunde für Jedermann gemacht. Dazu hatten sie eine Website gebastelt mit ersten Informationen zur Wetterlage sowie ihren Reisegeschichten, die sie damals für die verbreiteten Printmedien verfassten. Im Jahr 2006 hatte die Website einige wenige Tausend Clicks und das Internet war noch ziemlich in den Kinderschuhen. Internetjournalismus galt damals noch als Unwort und für manchen auch als Verrat an den kulturellen Werten des Abendlandes.

Die Idee hinter PowderGuide war und ist heute immer noch lobenswert. Ich beschäftigte mich im Studium ohnehin mit Onlinejournalismus und der Frage ob und wie digitale Medienprodukte in ferner und naher Zukunft aussehen könnten. “It’s a match”, würde uns Tinder heute wohl bei diesen Voraussetzungen sagen.

 

In einem ersten Schritt wurde von mir unter folgenden Gesichtspunkten ein Redaktionskonzept erstellt:

Klare Zielgruppe: Die Zielgruppe definieren und abgrenzen.

Leser im Fokus: Mehrwert und nachhaltiger Nutzen für den Leser schaffen.

Themen: Themeneingrenzung und Definition der thematischen Grenzen, innerhalb dieser Vielfalt und Bandbreite abdecken.

Organisation: Redaktionelle Verantwortlichkeiten und Prozessablauf sowie Kommunikationsregeln.

Erfolgskontrolle: Quantitativ wie auch insbesondere qualitative Messungen und Feedbacks.

Kreatives Weiter- und Vorausdenken: Neue disruptive Technologien entstehen bei schneller werdender Entwicklungsgeschwindigkeit in einer sich im Aufbau befindenden Trendsportart mit Hang zum Massenphänomen.

 

In einem zweiten Schritt ging es einige Jahre später an die Community. Hier war definitiv Potential vorhanden: Sehr viele mitunter sehr engagierte und begabte Menschen drängten sich gerade dazu auf an diesem Projekt mitzuwirken.

Die Erweiterung der Redaktion betraf zwei redaktionelle Features: PowderAlarm und ein Wetterblog. Beide Themen passten zu den Kernwerten der Information, Transparenz sowie dem Teilen von gut recherchiertem Wissen. Außerdem galt es die Community stärker einzubinden. Die sozialen Medien waren ein No-Brainer (wobei hier versucht wurde auf Qualität statt Quantität zu setzen), dazu wurde ein Forum und ein interaktives Bergerleben-Feature “ConditionsReport” als unmittelbare Quelle von handverlesenen Informationen aus dem gesamten Alpenraum als Austauschplattform geschaffen.

Bei der Einbindung vieler externer Quellen aus der Community (und damit einhergehend natürliche Schwankungen) galt es insbesondere die Qualitätskontrolle zu betonen. Im Conditions-Report sowie auch zu Testberichten und Tourenreports mussten Standards festgelegt werden, nur so konnte eine anhaltende halbwegs hohe Qualität erreicht werden.

Retrospektiv ist weniger spannend, dass wir nun eine digital dominierte Medienlandschaft haben, sondern vielmehr, dass PowderGuide mehr als 10 Jahre später dieses Konzept weiterhin quasi unverändert anwendet und damit zu den erfolgreichsten Onlinemedien der Outdoorsportszene gehört. In knapp 10 Jahren konnten die Leserzahlen organisch von wenigen tausend auf 150.000 je Monat gesteigert werden.

PowderGuide ist heute ein weiterhin stabil organisch wachsendes Onlinemagazin und gilt als führend in der journalistischen Qualität bei den Themen Freeride, Skitour und Lawinenprävention. Gleichzeitig haben viele andere Szenemedien den digitalen Wandel mitunter komplett verschlafen, existieren nicht mehr oder sind nur ein Clickbaitschatten ihrer selbst.

Folgende redaktionelle Hauptbestandteile wurden entwickelt und implementiert:

Testberichte, Serviceartikel, Eventrück/vorschau, Tourentipps, Communityaktionen (z.B. Fotocontest), Powderalarm, Wetterblog.

Nun schreiben wir das Jahr 2017. Frau Holle scheint von einem Mega-Sattelschlepper namens Klimawandel überfahren und Brody Leven live-instagramt, dass er sich heute morgen erfolgreich einen Cafe vor seiner epischen Skitour gemacht hat. 2154 Likes.


Leave a comment